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„Stapy“ ist absolut noch nicht müde!
26.06.2015

Wenn Charlotte Stapenhorst, die im Hockey alle liebevoll „Stapy“ nennen, auf das letzte Jahr ihres Lebens zurückschaut, dann kann sie selbst gar nicht glauben, was da alles passiert ist. Im August wechselte die Abiturientin aus Berlin vom Zweitligisten TuS Lichterfelde zum damaligen deutschen Hallenmeister UHC nach Hamburg. Hier begann sie an der Hafencity-Universität ein Architektur-Studium, stieg voll in die Vorbereitungen der Damen-Nationalmannschaft auf die Olympia-Qualifikation ein und wurde Teil des nominell wohl bestbesetzten Sturms der Bundesliga.

Zehn Monate später kann sie zurückblicken auf eine erfolgreiche Qualifikation mit den DHB-Damen für die Olympischen Spiele 2016 in Rio sowie auf zwei internationale Titel mit dem UHC beim Hallen-Europacup in Litauen und bei der European Club Trophy in Weißrussland. Dazu erhielt sie in Valencia bei der World League die Auszeichnung als beste Nachwuchsspielerin des Turniers. „Das ehrt einen schon sehr, gerade weil es eine individuelle Auszeichnung in einer Mannschaftssportart ist. Und es ist eine Bestätigung dafür, wie man sich reingehängt hat und wie viel man investiert hat!“, so die junge Studentin, die während des Turniers in Valencia ihren 20. Geburtstag feierte.

Zweifel habe sie schon gehabt, als sie sich zu dem Schritt entschlossen habe, nach Hamburg zu gehen. Ob sie in einem Sturm neben arrivierten A-Nationalspielerinnen wie Marie Mävers, Eileen Hoffmann und Lisa Altenburg überhaupt viel Einsatzzeiten erhalten werde. Doch Trainer Claas Henkel habe ihr die Bedenken genommen. Das Training mit dem UHC – mit neun A-Kaderspielerinnen und weiteren U21- oder U18-Spielerinnen – sei „Weltklasse“. Eine tolle Entwicklung bescheinigt ihr auch Bundestrainer Jamilon Mülders, der dem „Küken“ im deutschen Angriff volle Freiheit gibt.

„Stapy“ zählt zu den technisch versiertesten Stürmerinnen in Deutschland. Mit Tempo-Dribblings und überraschenden Aktionen im Kreis ist sie oft Ausgangspunkt gefährlicher Aktionen und zieht Ecken für das deutsche Team. Da freut sie sich auch über Vergleiche mit Christopher Rühr oder Mats Grambusch im deutschen Herrenteam, bei denen sie sich im Videostudium „sich auch gern mal Aktionen abschaut“. Die 20-Jährige kennt aber auch ihre eigenen Defizite und weiß genau, woran sie in den nächsten Monaten arbeiten will: „Das Abwehrverhalten und die klaren Torschüsse möchte ich weiter perfektionieren.“

Die Athletik sei auch noch ein Thema, was sie auf ihrer Agenda habe: „Nach den sieben Spielen in zehn Tagen in Valencia war ich im Spiel gegen Argentinien am Ende echt froh über den Schlusspfiff!“ Bei all den Highlights, die Charlotte in ihrem aufregenden letzten Jahr absolviert hat, ist die deutsche Feld-Endrunde für sie nun eine weitere Premiere. Dass man mit dem UHC immer zu den Favoriten gehört ist ihr klar, und die junge Offensivkraft kennt auch die Endrunden-Historie ihrer Mannschaft aus den letzten Jahren, als man mehrfach den möglichen Titel verpasste. „Ich sehe uns dieses Jahr gar nicht so sehr als Favorit, denn Düsseldorf ist doch ganz schön durchmarschiert durch die Saison. München ist sowas wie ein Geheimfavorit. Und das ist für uns vielleicht auch mal ganz gut, dass die Konstellation so ist.“

Persönlich hat sie ein klares Ziel für die Final Four – wenn man da mitspiele, dann wolle man auch gewinnen. Müdigkeit, die nach so intensiven Monaten eigentlich völlig normal wäre bei einer 20-Jährigen, merkt man Charlotte Stapenhorst eh nicht an. Sie würde zu gern auch noch die Europameisterschaft in London spielen und weiß aber auch, dass dafür noch einmal der Kader geöffnet wird. Sie hat auch klar im Blick, dass die „Narrenfreiheit“, die sie als noch recht unbekannte Spielerin bislang international bei den Verteidigerinnen genossen hat, irgendwann vorbei sein wird. Dazu dürfte nicht zuletzt die Auszeichnung in Valencia beitragen.

Dann wird der Neu-Hamburgerin sicherlich intensiver auf den Füßen rumgestanden. Doch auch darauf ist sie vorbereitet, ist sich völlig im Klaren, dass die Entwicklung bei ihr immer weiter gehen muss. Schließlich möchte sie nach Rio und hat zudem ein Fernziel, das wohl die Wenigsten im Team realistisch angehen. „Wenn Olympia 2024 nach Hamburg kommt, dann mache ich auf jeden Fall noch neun Jahre weiter“, sagt „Stapy“. Sie sei schon bei der Entscheidung zwischen ihrer Heimatstadt Berlin und Hamburg für die Hansestadt gewesen, weil das Konzept und die Bewerbung sie überzeugt habe.

Stapenhorst wird dann 29 Jahre alt sein – tatsächlich ja ein gutes Alter für eine Leistungssportlerin. Ob sie dann mit dem Studium fertig sein wird, wisse sie noch nicht so richtig, sagt sie mit einem Lachen. Man müsse ja doch recht flexibel sein, wenn man Leistungssport und Studium unter einen Hut bringen wolle. Tatsächlich fühlt sich die Architekturstudentin an der Hafencity-Uni gut aufgehoben. Man habe da zuvor noch keine Leistungssportler gehabt, deshalb sei das auch ein Abtasten mit den Dozenten, aber sie habe bislang viel Entgegenkommen erfahren.

All das gehört dazu zu diesem spannenden ersten Jahr in Hamburg. Der Sprung ins kalte Wasser, in die Selbstständigkeit, plötzlich Rechnungen selber bezahlen zu müssen, sich und das eigene Leben zu organisieren – all das habe sie noch nicht einen Augenblick bereut, sagt „Stapy“: „Es gefällt mir hier total gut – die Stadt, das Studium, die Leute um mich herum! Ich bin mir ganz sicher, dass das für die nächsten Jahre auch so bleibt!“
70. [D] & 73. Endrunde [H] Feld
4./5. Juli 2015 in Hamburg